Römer


Die Römer hatten durch den Bau einer grossen Überlandstrasse, welche Martigny mit dem Oberwallis verband, einen grossen Einfluss auf die Entwicklung des Wallis. Auch der Roggen wurde durch die Römer ins Wallis eingeführt. Ebenso wurden die ersten Bissen von den Römern zur Bewässerung erstellt.

 

Die Römische Zeit im Pfyngut begann mit der intensiven Nutzung des Pfynwaldes, welche von einer Ausweitung des Ackerbaus begleitet wurde. Sedimentproben aus einem begrabenen humosen Oberboden enthalten Pollenkörner von Walnuss sowie Roggen und erlauben deshalb eine grobe zeitliche Einstufung. Beide Kulturpflanzen wurden von den Römern eingeführt und sind in den Seeablagerungen des Pfafforetsees und des Lac de Montorge ab etwa 140 cal BC nachgewiesen Aufgrund der stratigraphischen Abfolge kann angenommen werden, dass auf diese Phase der intensiven Landnutzung in der jüngeren Eisenzeit und zu Beginn der Römerzeit der Bau der Römerstrasse und der ersten Bewässerungssysteme folgten. Die Anlage einer grossen Überlandstrasse im 2. /1. Jahrzehnt BC steht primär in militärischem Kontext und band die Region Pfyngut an die Verkehrsachse Martigny-Oberwallis an.

Die römische Überlandstrasse

Die römische Strasse  durch den Pfynwald wurde an zwei Stellen beobachtet, die rund drei Kilometer voneinander entfernt liegen. Die freigelegten Abschnitte haben eine Länge von 150 Meter in Pfyngut, respektive von circa 10 Meter beim Mörderstein.

Der Strassenabschnitt von Pfyngut wurde im Detail untersucht. Die Bauweise der drei Meter breiten, auf ein hölzernes Fundament gesetzten Fahrbahn ist aussergewöhnlich. Die tragende Konstruktion bestand aus 5 oder 6 längs verlegten, zugehauenen oder grob belassen Hälblingen (oder 3-Viertel Stämme). Eine Auffüllung mit Kies, Ästen und Rutenbündeln stabilisierte diese Hölzer und sicherte die Drainage des Bauwerks. Auf diesem Fundament dürfte eine Lage von Rundlingen oder Bohlen gelegen haben. Die geringe Anzahl metallener Baunägel zeigt, dass diese Querhölzer entweder vernutet oder mittels Holzdübel fixiert waren. Der Strassenüberzug bestand aus einer Aufschüttung von Kies und Erde. Die Zugabe von Kalk dürfte die leicht konvexe Oberfläche verfestigt haben. Dank der minutiösen Untersuchung der Strasse, unter anderem auch mit der mikromorphologischen Analyse eines Schnittes, konnten drei Bauphasen festgestellt werden.

Der Strassenaufbau von Pfyngut lässt sich mit ähnlichen Konstruktionen aus derSchweiz und dem näheren Ausland vergleichen; insbesondere aber mit den in Nordeuropa relativ häufig nachweisbaren Bohlen- oder Prügelwegen, die dort seit der Frühgeschichte vorkommen. Das beste Vergleichsbeispiel aus römischer Zeit ist ein Abschnitt der Via Claudia, der in Österreich bei Lermoos entdeckt wurde. Das hölzerne Fundament war hier noch derart gut erhalten, dass eine präzise Rekonstruktion dieser speziell für sumpfiges Gelände geeigneten Substruktion möglich war. In Pfyngut hat vermutlich das Substrat und die Feuchtzone westlich der Fundstelle die Bauweise der Strasse bestimmt. Man kann sich andererseits auch fragen, ob in römischer Zeit die in der Talsohle verlaufenden Alpenstrassen nicht generell auf diese Weise angelegt wurden, um bei einer Überschwemmung das Risiko einer Zerstörung zu vermindern.

Die vielen auf der Strasse verlorenen Schuhnägel ermöglichen es, den Bau des Abschnitts von Pfyngut zu datieren (gegen Ende des I. Jh. v. Chr.) sowie seine Benutzungsdauer und seine Aufgabe einzugrenzen (nach dem 3. Jh. n. Chr.). Die CI4 Datierungen zeigen indes, dass diese Durchgangsachse noch bis ins Frühmittelalter begangen wurde.

Der Wegabschnitt von Pfyngut wird schliesslich in einem grösseren Kontext betrachtet, als Teil des Strassennetzes, welches das Rhonetal von der römischen Zeit bis heute durchzog. Man stellt dabei eine erstaunliche Konstanz des Verlaufs fest. Diese Stabilität ist wohl auf die topographischen Hindernisse (Schuttkegel der Bäche) zurückzuführen, die sich während mehr als zweiJahrtausende kaum verändert haben.

Die Jahrzehnte der römischen Schuhnägel

Die in den Schichten der römischen Strasse von Pfyngut geborgenen, mehrere hundert Schuhnägel boten die Gelegenheit, die erste Chronotypologie einer Materialgattung zu entwerfen, deren archäologische Fundumstände sehr unterschiedlich sein können. Schuhnägel werden nicht nur im Strassenschotter gefunden sondern auch in Siedlungen, Heiligtümern, Gräbern (Körper- und Urnengräber) oder in Horten mit Votivcharakter.

Um die typologischen Kriterien zu definieren, wurde zunächst eine einheitliche Aufnahmemethode definiert. Gezeichnet wird die Auf- oder die Untersicht des Nagelkopfs, sowie ein Schnitt den man auf eine Referenzachse ausrichtet. Gemessen wird der Innen- und Aussendurchmesser sowie die Höhe des Kopfs und das Gesamtgewicht. Das Zeichendekor einzelner Nägel, die allgemeine Abnutzung und der Korrosionsgrad werden ebenfalls berücksichtigt.

Die Masse der inventarisierten Nägel wurden darauf mit dem antiken metrologischen System verglichen. Das Gewicht der intakt erhaltenen Nägel lässt sich mit den verschiedenen Unterteilungen des antiken Gewichts im Zusammenhang bringen, namentlich mit der römischen Unze sowie dem attischen und dem ägäischen Obolus. Diese Korrelation ermöglicht die typologischen Hauptgruppen zu unterscheiden, während Innen­ und Aussenmasse, sowie die Höhe des Nagelkopfs Untergruppen bilden. Der aus Globuli und Linien bestehende Dekor gehört nicht zu den typologisch relevanten Kriterien, zumal es sich hierbei vermutlich um Handwerkszeichen handelt. Der typologische Katalog ist aufgrund des Gewichts geordnet, von der schwersten Gruppe zur leichtesten. Erwähnt wird zunächst das Gewicht des Nagels in römischen Unzen, sofern es sich um einen kulturell relevanten Wert handelt, dann die Dezimalzahl, als konstante Einheit.

Die vorgeschlagene Chronologie basiert auf Faktoren, welche Preis, Produktion und Grösse der Nägel beeinflussen können. Grösse und Gewicht der Nagel scheinen abhängig vom Wert des Denars gewesen zu sein. Einschneidende Änderungen des Münzsystems sind demnach als Schlüsseldaten verwendbar. Militärische und politische Ereignisse scheinen ebenfalls die Nagelproduktion beeinflusst zu haben. Auch das Zeichendekor und einzelne spezielle Kopfformen haben eine Bedeutung für die chronologische Einordnung der Nägel. Wichtig für die Erstellung des typochronologischen Systems waren zudem auch Nägel, die aus gut datierten, geschlossenen Fundkomplexen stammen.

Der Hauptteil der Studie betrifft die in Pfyngut geborgenen Schuhnägel. Der Fundkorpus wurde aber um neun weitere Fundstellen des Kantons Wallis erweitert, die jeweils eine eigenständige Interpretation benötigten. Typologie und Chronologie der Nägel aus den Schichten der römischen Strasse von Pfyngut ermöglichten die Unterscheidung von drei Bauphasen. Ausschlaggebend waren hier die intakt erhaltenen Nägel, von denen man annehmen kann, dass sie rasch überdeckt wurden. Stark korrodierte Nägel dürften hingegen lange Zeit der Luft ausgesetzt, an der Strassenoberfläche gelegen haben; sie weisen auf Benutzungsphasen hin. Die Ergebnisse dieser ersten Nagel-Typochronologie haben unsere Hoffnungen weit überschritten. Die Korrelation des Nagelgewichts, der Produktionseinheit und der antiken metrologischen Normen ermöglichte es, eine kohärente Typologie zu entwerfen. Weitere Untersuchungen sind indes nötig, um den zeitlichen Rahmen zu erweitern, den Preis der Produktionseinheit einzugrenzen und auch um den geographischen Raum dieser Arbeit auszudehnen.

Auszug aus: Cahiers d’Archéologie Romande 121 / Archeologia Vallesiana 4
Mit freundlicher Genehmigung, TERA sàrl, Sion www.terasarl.ch